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Nur ein Stück Bernstein

BernsteinNach dem Krieg hatte es den alten Kallweit in ein Altersheim verschlagen. Nu saß er hier und sprach immer wieder vor sich hin: „Ei j entlich wollt ich einem Anhänger draus machen lassen.“ Er drehte ein Stück Bernstein in den Händen. Niemand hörte ihm zu. Es war ein besonders schönes Stück. Wenn er es so hin und herdrehte, hielt er alles in der Hand – sein Dorf, sein Haus, das blaublühende Lupinenfeld, das Elsbethchen und – das Blinkfeuer.

Das Elsbethchen hatte braunes Haar gehabt, und dazu trug es fast immer blaue Kleider. Es war seine Lieblingsfarbe, deshalb mußte er es auch so oft zu dem großen Lupinenfeld mitnehmen. Dann hüpfte es daran entlang auf seinen drallen Beinchen, selbst wie ein blauer Schmetterling,

Die Weitkunatsche kochte ihm das Essen, aber da sie auch sonst tagsüber viel zu tun hatte, ließ sie ihm das Kind ganz gern.

Die beiden verstanden sich gut. Im Sommer waren sie viel am Strand der Alte saß auf den Steinen und sah zu, wie die kleine Marjell in der Brandung umhersprang und ihm tote Tiere und blankgewaschene seltsam geformte Schwemmholzstücke brachte. Dabei fand sie auch das Bernsteinstück. Sie nahmen es mit nach Hause, und der alte Kallweit verwahrte es in der Schublade, aber Elsbethche durfte damit spielen sooft sie nur wollte. Später ließ er es schleifen, um ihr eine Freude zu machen. Jetzt war es ganz glatt anzufassen und leuchtete sanft.

" E scheener Klunker", sagte das Marjellche, "soo e scheener Klunker, Opa" "Was meinst"; sagte der Alte,"wenn du jreßer bist lassen wer e Loch durchbohren, und du kriegst e Halskett dazu – was meinst, Elsbethche?" Sie drehte das Bernsteinsrück hin und her und sah sich schon mit einem feinen Silberkettchen um den Hals, daran hing der Klunker und glänzte bräunlich und golden.

"Ach, du machst de Marjell bloß eitel", schimpfte de Weitkunatsche.

Der Klunker hatte auch heilkräftige Wirkung. Wie hätte es denn sonst sein können, daß die Kleine, als sie mit Diphtherie lag, nach dem Bernsteinstück verlangte und daß sie dann gesund wurde, weil der alte Kallweit es ihr gebracht hatte und Elsbethchen es nicht mehr aus den Händen ließ, sie war bestimmt, nur deshalb ge­sund geworden.

Abends gingen sie oft zum Strand, denn das Elsbethchen wollte immer das Blinkfeuer sehen. Sie standen beide auf den Steinen und sahen zu, wie es aufsprang, erlosch und wieder aufsprang, ein guter Geist für die Seeleute auf dem dunklen Wasser. "Wenn ich groß bin, wird es da auch noch da sein?" "Ja, dann wird es auch noch da sein. Das wird immer da sein", sagte der alte Kallweit.

Aber wo waren sie jetzt, das Kind und die Weitkunatsche? Er wußte nichts mehr von ihnen, so wie er nichts mehr von seinem Haus wußte, dem Lupinenfeld und – dem Blinkfeuer. Er hatte nur noch das Stück Bernstein, das hatte er mitgenommen. Damit saß er, Tag für Tag und drehte es in seinen alten Händen. "Eigentlich sollte je e Anhänger draus werden", sagte er, aber” niemand beachtete ihn. Und dann fügte er wie immer hinzu:" Aber das hat je nu keinem Zweck nich mehr."

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