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Die Kölmer im südlichen Natangen.

  müngen Das alte Preußenland zerfiel in einzelne auch unter sich zusammenhangslose Gaue. Die Sage nennt die Brüder Waidewut (Widewot) und Pruteno, welch letzterem dem älteren das Volk aus Dankbarkeit die Königswürde anbot. Dieser trat sie indes an Waidewut ab und behielt sich nur die Würde des Oberpriesters vor. Als beide das Ende ihrer Tage fühlten — beide starben alsbald den freiwilligen Feuertod — teilten sie in einer allgemeinen Versammlung des Volkes das Land unter die Söhne Waidewuts: Natango, Barto, Galindo, Hogo, Pomezo u. s. w., die nach ihrem Namen die ihnen zufallende Landschaft benannten: Natangen, Barten, Galinden, Pomesanien, Namen, welche nicht nur dem Geschichtsforscher, sondern noch in weiteren Kreisen der Gebildeten bekannt sind, sowie Oberland, Ermland, Samland landläufige Bezeichnungen sind. Natangen als Preußens 5. Landschaft grenzte im Süden an Warmien. Das frische Haff bildete ihre westliche und zum Teil auch nördliche Grenze, welche dann am Pregelstrom fortlief bis an die Alle. Dieser Fluß, welcher sie von dem Barterlande trennte, ist aufwärts bis zur Gubermündung die östliche Grenzscheide und von hier ab noch weiter aufwärts bis nach Heilsberg die Südgrenze gewesen. Von Bedeutung war demnach der Umfang dieser Landschaft nicht, aber sie galt in Rücksicht ihrer inneren Beschaffenheit für eins der schönsten Gebiete Preußens und war von jeher von einem kräftigen tapferen und namentlich landwirtschaftlich arbeitsamen Geschlecht bewohnt. Nirgends in Deutschland und darüber hinaus hat die Verleihung von Grund und Boden zu erblichem Besitze eine solche Bedeutung und Ausdehnung er¬fahren als im Ordenstand Preußen. Die Kolonisation, ein Kulturwerk des deutschen Ritterordens vollzog sich in systematischer Weise. Zuerst wurde eine Stadt gegründet, dann wurden Güter ausgetan und zuletzt deutsche Bauern angesiedelt. Wie aus den Rittern und zum Teil aus den Schulzen, welch’ letztere aus-schließlich deutscher Abkunft waren, die späteren Rittergutsbesitzer hervorgegangen, so finden sich die soge¬nannten Freien im Stande der Kölmer, eine besondere Klasse von Gutsbesitzern aus preußischem Stamme. Sie führen diesen Namen, weil sie ausdrücklich in ihren Vergabungsbriefen ihre Gütchen auf kulmisches Recht erhielten und bezeichnen bürgerliche Gutsbesitzer, die eine Mittelstellung zwischen dem Adel und den Bauern einnehmen; zu Friedrich des Großen Zeit rekrutierten sich die Offiziere aus dem Adel, die gemeinen Soldaten aus den Bauern und. die Unteroffiziere aus den Kölmern. Nirgends, wie ich es eigens gesehen und mit eigenen Ohren gehört, hat sich ein so bewährter Patriotismus und ein so seltener Konservativismus aus¬gebildet als bei den Kölmern, welche zäh und fest in Sitte und Gebräuchen, ja auch in wirtschaftlicher Beziehung an dem Althergebrachten festgehalten. Sie bilden gewissermaßen eine für sich abgeschlossene Kaste, die es nur mit ihrer Würde vereinbar halten, wenn zum Beispiel auch ihre Kinder nicht unter ihrem Stande sich verheiraten, etwa in bäuerliche Familien, deren Töchter heute schon mehrfach auf höheren Schulen erzogen werden, und deren Söhne als ein¬jährig oder als 3jährig Freiwillige in Gardekavallerieregimentern dienen. — Die spätere Scheidung in adlige und kölmische Güter bedingte die Übertragung der Gerichtsbarkeit. Die Güter, welche zur Ordenszeit mit der Gerichts¬barkeit bewidmet wurden, sind adlige, die andern im 17. und 18. Jahrhundert heißen Freigüter, ihre Besitzer kölmische und preußische Freie. Beide wurden im Jahrhundert Kölmer genannt. Zwar bedingte die Verleihung der Gerichtsbarkeit nicht allein die Scheidung zwischen adligen und kölmischen Gütern, vielmehr war die Konsolidierung des Adels zu einem besonderen Stand für die rechtliche Qualität des Gutes von Einfluß gewesen, obschon die spätere Verteilung des Grundbesitzes auf der Verleihung der Gerichtsbarkeit beruhte. Die Freien hatten ebenso wie die Ritter ihren persönlichen Gerichtsstand vor dem landesherrlichen Gericht. Sie unterstanden weder dem Gericht des benachbarten Dorfes noch dem eines benachbarten Grundherrn, der feudale Rechte ausübte. Aber auch ihre Gutsleute, Gesinde u. s. w. standen unter dem landesherrlichen Gericht. Die Güter der Freien waren zwar wirtschaftliche, aber keine politischen Einheiten. Sie waren mit einem Wort: kommunalfrei. Sie sind wie die feudalen Güter meistens Einzelhöfe gewesen. Die späteren kölmischen Dörfer sind nicht aus der Zersplitterung kölmischer Güter entstanden. Die in Rede stehenden 24 Kölmer im südlichen Natangen, deren landwirtschaftliche Verhältnisse zu schildern mir obliegt, haben Ihre Freihufen größten¬teils aus der Hand des Ritterordens durch dessen zuständige Comthurei in Balga verschrieben erhalten, und zwar in Urkunden, deren Verfügungen als Pri¬vilegien galten. Diese Urkunden befinden sich meistens noch als Original oder Copie in den Händen der Besitzer. Sie sind auf Pergament geschrieben und mit großem, daran hängenden Wachssiegel, das zum Schutz in, einer Holzkapsel eingeschlossen ist, versehen. Als Probe des Urkundenstyls gebe ich eine Urkunde z. B. die des kölmischen Outes Klldehnen, nachfolgend wörtlich wieder: »Wir Bruder Jeronimus von Gebbensattel, Oberster Trappier, komthur zur Balge und Vogt auf Natangen, des Ordens der Brüder des Hospitals Sankte Marie des deutschen Hauses von Hierusalem, Thun kundt und offenbahr Allen und itzlichen, die diesen Briff sehen, hören oder lesen, daß wir mit wissen, Rath und willen, des gar Ehrwürdigen Herren, Herren Johann von Tieifen, Hoemeisters deulschs Ordens vnd mit wissen und willen wnsers Ordens Edelsten Brüdern zur Balge, Vorschreiben Ieysen und geben in Krafft wnd macht dieses Briffes, dem Wohlduchtigen unsern lieben getrewen Peter Dolkemitten, seinen rechten Erben und nachkommlingen zwelf Huben zu Kyldenyn an Acker, wiesen, weiden, walden, Püschen, Bruchern und Streuchern Im gebit Balge wnd Zintschen Kammerampt beim Elchholz gelegen, binnen solchen Reinen wnd grenitzen, also die von alters somirt beweyset, Frei Erblich wnd Ewiglich zu Cölmischen Rechten zu besitzen, Vmb welcher vnser begnadigung willen soll Peter Dolkemitte, seine rechte Erben wnd nachkomlinge, wns wnd wnserem Orden verpflicht sein zu thun einen redlichen wnd duchtigen Dienst mit Hengst wnd Harnisch nach dieses Landes gewohnheitt, zu allen geschreyen heerfahrten, Landes wehren wnd Reysen, wenn, wie dick wnd won-hinne sie von Vnß oder unsers Ordens Brüdern geheyschen wnd erfordert werden. Es soll auch Peter Dolkemitten, seine rechten Erben wnd nachkomlinge, wns wnd wnseren Orden Jore Jherlich wff Martini, des heyligen Bischoffstag verpflicht sein zu geben Ein Cronpfundt Wachs wnd einen Cölmischen Pfennig oder ann des Stadt Fünf preußische pfennig aff wnsers Ordens Hause Ballga, zu whrkundt wndt erkenntnus der herrschaft. Das zu bekenntniße wnd ewiger Sicherheit haben wir wnsers Ambts Insiegel wnden an diesen Briff lassen hengen, der geben ist wff wnsers Ordens Hause Balge am Donnerstage vor Letare nach Christi geburt, Tausendt vierhundert wnd im ein wnd Neuntzigsten Jahre.«

Aus „Grundlagen und Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebsverhältnisse der Kölmischen Güter im Süden von Natangen“ Inauguraldissertation von Paul Bordt (1907) Königsberg i. Pr.

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