Buchempfehlung: Das Wiegenlied der Wolfskinder

Wie “Wolfskinder” um ihr Überleben kämpften

 

Die Familie der Zeitzeugin, Frau Trennepohl im Jahr 1942

Winter 1944/1945. Noch herrscht der 2. Weltkrieg. Die Temperaturen in Ostpreußen sind eisig. Gemeinsam mit ihrer Mutter, der Großmutter und ihrem Bruder Karlchen flüchtet die achtjährige Gretel aus ihrer Heimatstadt Gerdauen. Der Familie bleibt keine Wahl. Die Front rückt immer näher – und damit auch die russischen Soldaten. Ihr Ziel lautet Berlin. Dort hat die Mutter Verwandte. Doch die Reise entwickelt sich zu einer Odyssee durch die preußische Provinz.

Unglaublicher Lebenswille

Gewalt, Angst, Hunger, Kälte – der Kampf um das tägliche Überleben fordert immer wieder neue Opfer. Schicksalsschläge, die auf den Schultern der jungen Geschwister schwer lasten. Der Tod ihrer Mutter lässt sie schließlich alleine zurück. Schon bald nachdem sie bei einem litauischen Bauern Unterschlupf finden, werden die Kinder getrennt. Fortan müssen beide als “Wolfskinder” ihren Leidensweg alleine gehen und mit unglaublichem Lebenswillen ihre Abenteuer meistern.

Beeindruckendes Buch – auch dank sprachlicher Eleganz

Johanna Ellsworth gelingt in ihrem Roman auf besondere Weise ein gelungenes Zusammenspiel von realen Geschehnissen und spannungsreicher Fiktion. Eingebettet in die deutsche Wirklichkeit gegen Ende des Zweiten Weltkriegs macht sie das Schicksal einer ostpreußischen Familie zum Kern der Handlung. Erschütternd, berührend – lesenswert! Dies auch, da der Überlebenskampf dieser deutschen Flüchtlingskinder, die als “Wolfskinder” in die Geschichte eingingen, an das Schicksal heutiger Flüchtlingsfamilien und -kinder erinnert. Johanna Ellsworths Buch hat somit eine brisante Aktualität.

 

Die Autorin

Johanna Ellsworth, Magisterabschluss in Amerikanistik, Anglistik und Germanistik, ist eine vielseitige und leidenschaftliche Autorin mit über 25 Jahren Berufserfahrung. Neben ihrer Autorentätigkeit arbeitet sie auch als erfolgreiche Literaturübersetzerin. www.worthschatz.com

Historischer Roman

Husum Verlag 2016

275 Seiten

ISBN: 978-3-89876-819-1

€ 14,95

Erhältlich bei AMAZON

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Kurzbiografie Zeitzeugin Brigitte Trennepohl („Gretel“)

 

Brigitte Trennepohl

Brigitte Trennepohl

Am 4. Juni 1937 erblickte ich in Gerdauen, Ostpreußen, das Licht der Welt. Es war eine schwere Geburt. Ich wog zwölf Pfund – ein schweres Mädchen. Zwei große Brüder und eine gute Familie begleiteten meine sieben glücklichsten Kinderjahre. Auf meine Brüder war ich mächtig stolz und meinen Vater liebte ich abgöttisch. Er unternahm viel mit mir.

Ich ging ein Jahr lang in den Kindergarten und anschließend anderthalb Jahre in die Schule. Im Januar 1945 wurde mein Vater zum Volksturm eingezogen. Ich sah ihn nie wieder! Er hat mir sehr gefehlt. Die Front rückte immer näher. Ende Januar 1945 mussten wir flüchten, meine Mutter, meine Großmutter und ich bei 20 Grad Kälte. Unser Ziel war Berlin, doch wir landeten im Heilsberger Kessel.

Was folgte, war eine dreijährige Zeit des Elends und des

Das Elternhaus - Neuendorfer  Str. 9

Das Elternhaus – Neuendorfer Str. 9

Hungerns. Unsere Rettung waren Bettelfahrten nach Litauen. Wir Kinder sprangen auf fahrende Züge auf, den regulär durften wir nicht mitfahren. Den Litauern kann man nicht genug danken. Sie gaben uns immer von dem wenigen, was sie hatten, etwas ab. Ich wurde fast nie weggeschickt und durfte auch immer im Haus übernachten – auch wenn es vor dem Ofen in der Asche war. Heute wundere ich mich, dass ich immer wieder nach Gerdauen zurückgefunden habe. Vielen Kindern gelang das nicht; das sind die heutigen Wolfskinder.

Ich hatte das große Glück, dass meine Mutter am Leben blieb. Im Herbst 1947 kamen wir nach 14tägiger Bahnfahrt in Altenburg in Thüringen an. In der Nacht starb meine Großmutter, die buchstäblich verhungert war. Nach der dreiwöchigen Quarantänezeit holte uns endlich mein Onkel an unser Ziel Berlin. Meine Brüder hatten es auch geschafft, nur mein Vater nicht, er gilt bis heute als verschollen.

Wolfskindertreffen 2004

In Berlin durfte ich endlich wieder zur Schule gehen. Nach einem guten Schulabschluss machte ich eine Schneiderlehre. In den Ferien fuhr ich öfter zu meinem Bruder Kurt nach Ibbenbüren. Dort lernte ich meinen geliebten Mann kennen. Wir heirateten 1957 und hatten drei Kinder. Mittlerweile habe ich Enkel und sogar einen Urenkel, das zweite Urenkelkind kommt im März dieses Jahres zur Welt. Bis jetzt sind alle gesund! Darüber bin ich so glücklich.

Seit zwölf Jahren bin ich Witwe. Ich habe mehrere Ehrenämter in Ibbenbühren und in der Kreisgemeinschaft Gerdauen. Im Auftrag der Heimatkreisgemeinschaft Gerdauen betreue ich die Wolfskinder aus dem Kreis und der Stadt Gerdauen, die auf Spenden aus Deutschland angewiesen sind. Im Jahr 2007 waren es noch 21 Wolfskinder; heute leben nur noch neun von ihnen. In all den Jahren habe ich immer wieder meine Heimatstadt Gerdauen und Litauen besucht. Auch wenn ich seit der Flucht ein glückliches Leben hatte, bleibt doch immer ein Rest Wehmut an die Kindheit im Land des weiten Himmels.

 

 

1 Kommentar

    • Irmi on 18. September 2016 at 11:11
    • Antworten

    Ich habe gerade die Buchempfehlung gelesen. Frau Trennepohl schreibt, dass ihre Mutter am Leben blieb, aber in der Buchbeschreibung schreibt “Gretel” (ist ja wohl Frau T., oder?), dass die Mutter verstarb. Das verstehe ich nicht ganz. Ist das die Fiktion des Buches?
    Frdl. Grüße
    Irmi

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